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Der Anti-Tanten-Baum

Dienstag Jul 26, 2016

An meinen Garten grenzt das Haus meiner alten Tante.

Sie, Zeit ihres Lebens schon etwas neben der Spur, verfehlt die Spur mit zunehmendem Alter immer mehr. Sechs, sieben Mal am Tag verlässt sie das Haus, um ihren kleinen, keineswegs als niedlich zu bezeichnenden Hund Gassi zu führen. Meist tut sie dies zu Fuß, da sich dabei jeder, aber auch wirklich jeder auf ihrem Weg ansprechen lässt und potenziell in ein Gespräch verwickelt werden kann. Diese Gespräche beinhalten Fragen wie „Och, machst du die Pipibäumchen vom Hund weg?“ wenn ich gerade Unkraut ziehe, Gerüchte wie „Die Firma nebenan ist ja wohl auch pleite und macht bald zu“, wenn gerade mal Brückentag genommen wird, oder handfeste organisatorische Probleme wie „Ogottogott, auf der Straße ist jetzt eine Baustelle, wie soll ich denn mit dem Hund Gassi fahren?“

A propos fahren. Das tut sie auch noch. Aber nicht nach Art alter Tanten, sondern wie Schumi light, Kinder, Katzen und Fußgänger suchen besser schnell das Weite, wenn sich ihre Garage einmal am Tag öffnet, damit der Hund auch mal im Wald sein Häufchen machen kann.

Jeder im Umkreis von einem Kilometer kennt meine Tante und seufzt. Neulich erzählte sie jedem, dass wir wohl arge Geldschwierigkeiten hätten, weil wir uns von der Wuppertaler Tafel beliefern lassen. Ein Nachbar im Haus arbeitet dort und hält schon einmal mit dem Wagen auf dem Grundstück. Mühsam, ihr zu erklären, dass Tafeln garantiert eines nicht haben: einen Lieferdienst.

Ihr Haus hat an der meinem Garten zugewandten Seite fünf Fenster. Vier davon werden von einer Birke verdeckt, der alte Baum schützt meinen Garten vor Fensterblicken. Da gibt es aber noch das Küchenfenster, das volle Sicht auf die gesamten 1200 qm Garten gewährt.

Von dort aus sieht sie, wann ich im Garten bin, und immer häufiger kommt es vor, dass sie einfach hineinkommt in diesen Garten, meinen Hort der kommunikativ sparsamen Ruhe, meine Burg, meine Insel im Menschenmeer. Um dort dann irgendwelche für sie nicht zu bewältigenden organisatorischen Probleme rund um ihr Haus zu besprechen, mich zum Handeln zu nötigen, um mich dann in unendlicher Dankbarkeit mit irgendwelchen abgelegten Kleidern „für die Gartenarbeit“ zu bestücken. Selbstverständlich beobachtet sie dann, ob ich diese Kleidungsstücke auch ehrfürchtig trage. Ein weiterer Grund, meinen Garten zu betreten. Wenn kein dringendes Problem vorliegt, dann beweint sie jede Pflanze, die aus 1200qm herausreiße. „Och, die hatte aber doch sooo schöne blaue Blüten!“ Ja. Hatte sie vielleicht. Aber wenn ich überall alles einfach immer nur wachsen lasse, dann haben wir bald einen Hopfengarten mit Ackerwinde und jeder Menge Brombeeren.

Heute Morgen überraschte sie, Gassi gehend mit dem Hund, mich mit der Beobachtung, dass ich ja heute schon eine Viertelstunde im Garten gelesen hätte. Sie weiß, was ich wann mache, wann es Essen gibt, wann und wie viel mein Mann im Garten arbeitet, ich arbeite, und findet es süß, wenn wir uns zwischendurch mal ein Küsschen geben.

Es reicht. Es reicht schon lange, aber jetzt reicht es wirklich. Wenn sie nicht Gassi geht, scheint dieses Küchenfenster wohl mittlerweile ihr Fernsehersatz zu sein. Dieses Fenster muss weg. Aber wie macht man Fenster weg? Ich kann es nicht in die Hände nehmen und um die Ecke wieder einbauen, wo sie auf ihr eigenes Grünzeug blicken könnte. Ein Baum. Ein Baum vor dem Fenster wäre toll. Aber wie lange soll ich warten, bis dieser so groß ist, dass er die Sicht auf mich in meinem Garten versperrt?

Im Internet gab ich dann die Wortkombination „schnellwachsender Baum“ ein. Und siehe da. Der chinesische Blauglockenbaum wächst 2-4 Meter im Jahr. Er ist breitkronig, seine riesigen Blätter haben einen Durchmesser von bis zu 60 Zentimetern, und „seine blauvioletten Blüten sind glockenförmig gewachsen und ziehen alle Blicke auf sich“. Ob mein botanisches Interesse nicht nach der unendlichen Schönheit eines solchen Blauglockenbaums giert? Und ob der beste Ort für den Baum nicht vor dem Küchenfenster meiner Tante ist?

Kurz und gut: Ich habe eine Gärtnerei gefunden, die mir in der kommenden Woche einen solchen Baum liefert.

Und ich freue mich auf ihn. So, wie ich mich auf den seligen Blick meiner Tante im kommenden April freue, wenn sie aus dem Fenster schaut und sagt: „Hach. Was sind das doch für wunderschöne blaue Blüten“.

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