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Liebster Award. Der Amaot hat mich gefragt, und ihr alle dürft lesen.

Donnerstag Jan 15, 2015

 

Da hat mich doch der Amaot auf seinem Blog für den „Liebster Award“ nominiert ?! Amaot? Mein allerliebster Lieblings-Blogger und -Twitterer, Follower der ersten Stunde, dessen Gedankenkapriolen mich ständig zum Lachen in den Keller schicken (und wenn ich da schon mal bin, kann ich ja auch gleich aufräumen und … Moment, hatte ich eigentlich den 2012er Tempranillo schon probiert?)

Zugegeben – ich wusste nicht, was der „Liebster Award“ ist und hatte schon leckere Schweinereien vermutet. Aber nein: Hier gibt es Rede und Antwort. Und wie lecker das Ganze wird, entscheide ich selbst.

Für den Liebster Award wird man von anderen Bloggern nominiert, bekommt und beantwortet 11 Fragen und nominiert wiederum 11 Blogger, denen man 11 neue Fragen stellt.

Der Liebster Award ist somit dazu gedacht, weniger bekannte Blogs bekannter zu machen.

Nun denn! So lest meine Antworten auf die Fragen von Amaot. Weiter unten (viiiiel weiter unten) findet ihr dann 11 Fragen, die ich an 11 Blogger stelle, die ich zur Beantwortung nominiere.

 

Eins: Erinnerst Du dich an eine Brücke?

Ich erinnere mich grundsätzlich an jede Brücke. Weil ich nämlich nicht gern auf Brücken stehe. Weil ich am liebsten festen Boden unter mir habe, und schon mal gar keine Luft.

Aber auch wenn artgerecht gehaltene Brücken zumeist draußen an frischer Luft zu finden sind, ist die allerschlimmste Brücke, auf der ich jemals stand, drinnen. Und zwar im Hauptgebäude Q1 des Hauptquartiers von Thyssen Krupp in Essen. Dieses gefühlt komplett aus Glas bestehende 14-stöckige Gebäude ist um einen gläsernen Innenhof gebaut. Der wird auf der gläsernen neunten Etage von einer Brücke – selbstverständlich aus Glas – überspannt. Ich war willig. Und wollte mich auch vor meinen Kollegen nicht blamieren. Ich glaube, ich bin nicht einmal bis zur Mitte gekommen, als sich alle Panik-Attacken-Überlistungsmaßnahmen sich ohne weiteren Abschied („Tschüß, war nett, auf ein Neues beim nächsten Mal!“) freiwillig über die Brüstung stürzten, um neun Etagen tiefer vermutlich recht unsanft aufzuschlagen. Was dann passierte, wird kaum Einzug in die Annalen der Heldin Echolotta finden. Ich musste den Rückzug auf allen Vieren antreten, da mein Gefühl, mich freischwebend im Raum zu bewegen, vermutlich dazu geführt hätte, dass ich beim Zurückschweben nicht etwa den Einstieg zur Brücke erwischt hätte, sondern den Henkelmann des Hausmeisters. Gefüllt mit von seiner treusorgenden Gattin frisch gekochter Linsensuppe, in die er auf Etage 3 an seinem gläsernen Schreibtisch seinen Löffel tunkte. Hätte der sich erschreckt, wenn ich mit dem Allerwertesten voraus die gläserne Decke seines gläsernen Hausmeister-Kabuffs geschlagen wäre. Nun gut. Ich erinnere nicht mehr wirklich, wie ich es geschafft habe, im Innenhof wieder festen Boden unter mir zu spüren. Ich erinnere mich nur, wie glücklich ich war und dass ich den schnellsten Weg nach draußen suchte. Sehen konnte ich die grüne Wiese sofort. Erreichen konnte ich sie nicht so schnell, da ich zwar mein Ziel vor Augen hatte, nicht aber die Glastüren, die uns unvermittelt trennten. Die Beule an der Stirn war noch recht lange blau.

Brücken und ich verstehen uns nicht wirklich. Aber als gewaltfreier Mensch tun sie mir dennoch oft Leid. Oft werden sie geschlagen, und das ist nicht nett.

 

Zwei: Was würdest Du machen, wenn es einen Tag lang keine Gesetze geben würde?

Ohne Gesetze? Dann wäre ich ja gesetzlos, in einer Reihe mit Robin Hood, Billy the Kid, Jesse James und Bonnie und Clyde. Die waren alle unheimlich mutig und haben sich zum Beispiel für die Armen und für Freiheit eingesetzt, dafür aber auch den einen oder anderen Pfeil oder die eine oder andere Kugel riskiert. Ganz ehrlich? So mutig bin ich nicht, da spende ich lieber, um etwas gegen die Armut und für die Freiheit zu tun.

Vermutlich würde ich mich an einem solchen Tag verkriechen. Da trifft es sich unheimlich gut, dass wir in unserem jahrhundertealten Haus einen Kriechkeller haben. Der seinen Namen verdient, denn der hat gerade einmal Hock-Höhe, und das auch nur für mich als eher kleinen Menschen. Ich war da auch schon mal drin, neulich. Irgendwie müssen wir mit der Sanierung dieses Hauses ja mal fertig werden.  Ich kroch also so durch den Kriechkeller, schob das eine oder andere Mäuseskelett beiseite, stieß mich an einem alten Gasbrenner (Gasbrenner? Wie kommt der denn da rein? Den bekommen nur gestandene Kerle hier rein, und die sind zu gestanden als dass sie im Kriechkeller kriechen könnten). Um dann an ein Brett zu stoßen. Das zog ich hervor.

Dieses Brett entpuppte sich als Grabplatte eines an der Westfront im Jahre 1915 gefallenen Musketiers. Der Rest des Tages ging dann auf Recherchearbeiten drauf. Im Internet, am Telefon. Mal abgesehen davon, dass ich zwar mittlerweile die Nachfahren gefunden habe aber immer noch nicht weiß, wie die Platte in unseren Keller kam – ich habe einen äußerst spannenden Tag mit kleinem Gruselfaktor verbracht.

Und so würde ich es an einem Tag, an dem es keine Gesetze gäbe, wieder machen. Mich verkriechen. Im Kriechkeller, der mit Sicherheit noch weitere Fragezeichen birgt.

 

Drei: An welches Foto aus Deiner Kindheit erinnerst Du Dich?

An das auf dem Schoß von Heino. Und das ist rückwirkend betrachtet noch peinlicher als der Rammstein-Verschnitt, mit dem er heute versucht, seinem in die Jahre gekommenes Publikum feuchte Schlüppis zu bescheren.

Wie es dazu kam? Tja. Schon als Kind habe ich gesungen, gesungen, gesungen. Gesungen, was das Zeug hielt. Am allerliebsten und allerlautesten auf meiner Schaukel im Garten. Sehr zur Erheiterung nicht nur meiner Eltern, sondern auch zu der der Mitarbeiter in der angrenzenden Firma, von der mich nur eine Blechwand trennte. (Ob das wirklich so erheiternd war?).

Aber was singt ein Kind? Das, was es hört, saugt es auf wie ein Schwamm. Und da ich in den 1970ern groß wurde, meine Eltern den Krieg voll miterlebt hatten, war man froh, wenn Schönes blieb. Die ganze Schlagerrutsche rauf und runter. Von Jungen mit Mundharmonikas bis hin zu den schwarzbraunen Haselnüssen.

Was lag da also näher, dass man mich zu Heino karrte, als der sich im erreichbaren Gruga-Park um den singenden Nachwuchs kümmern wollte? Ich erinnere mich gut daran. Und an das Foto. Zu meiner Ehrenrettung lässt sich sagen, ich habe meinen Mund nicht aufgemacht, Schon gar nicht zum Singen. Ob ich zu schüchtern war, oder den Mann mit der schwarzen Brille einfach zu gruselig fand, weiß ich allerdings heute nicht mehr.

 

Vier: Wie war Dein Vater?

Ein sehr lieber Mensch. Wenn ich als Kind von jemandem geliebt wurde, so war das mein Vater. Nach zwei Söhnen war ich ein sehr spätes Wunschkind (Liebe Frau Mutter von Echolotta, Sie haben da eine Eierstockentzündung …), dem so viel Geborgenheit gegeben wurde, wie man sich nur wünschen kann. Jemand, der im Winter die Terrasse unter Wasser gesetzt hat, damit ich Schlittschuh laufen kann. Und der mit mir um jede einzelne Bohne auf dem Teller verhandelt hat, damit das dürre Kind was auf die Rippen bekommt.

Ein naturverbundener Mensch. Als gelernter Landwirt hatte er nicht lang als solcher gearbeitet, aber seine Leidenschaft war sein Garten. Alles, was wir früher aßen, war selbst gezogen. Das erinnere ich nicht nur als schön, denn wenn eine Sorte Salat reif war, gab es jeden Tag diesen Salat, dasselbe galt für Bohnen, Erbsen, Kohl, Fenchel, Zucchini, Spinat usw. Die 1200qm Garten habe ich noch. Und irgendwann werde ich auch die Zeit haben, die Gemüsezucht wieder in vielleicht nicht ganz vollem Umfang zu betreiben. Denn um die Erfahrung und das Wissen bin ich dankbar. Gerade in der heutigen Zeit, in der alles Gemüse nach schnittfestem Wasser schmeckt.

Ein abhängiger Mensch. Gebeutelt durch seine Traumata während des Krieges, zu dem man ihn mit 15 Jahren noch abgeholt hatte, und der Gefangenschaft. Ein abhängiger Mensch. Als ich Kind war, lange Jahre auch körperlich, von Schlaftabletten und Alkohol. Was sich schlagartig änderte, als meine Mutter krank wurde. Da war ich 12. Er kümmerte sich aufopferungsvoll, und als der Rollstuhl kam, wurde aus dem Kümmern eine Rund-um-die-Uhr-Pflege. Und eine starke emotionale Abhängigkeit. Zu seiner Frau, nach ihrem Tod zu mir.

Ein dankbarer Mensch. Seine letzten noch verständlichen Worte waren: „Ich weiß, du machst es gut. Danke für alles.“

 

Fünf: Kennst Du ein Gedicht?

Ja.

„Na los, dann sag mal!“

Ich weiß nicht, warum Gedichte immer ausgerechnet aufgesagt werden müssen. Hat der Autor sich beim Schreiben überlegt: Ui, das klingt bestimmt ganz besonders toll, wenn es aufgesagt wird? Selbst wenn – das kann ich nicht. Nicht ohne dabei zu singen. Denn wirklich auswendig gelernt habe ich Gedichte nur im Rahmen ihrer Vertonung  zu einem Lied vornehmlich durch einen romantischen Komponisten. Ich kenne das Land, wo die Zitronen blühen, in mindestens fünf Kompositionen, abrufbereit vorsingbar.

Das Gemeine dabei ist die unglaublich gute Vernetzung in meinem Gehirn. Natürlich kann ich den Text. Zusammen mit der Musik. Losgelöst von der Musik weiß ich nach dem ersten Satz nicht, wie es weitergeht. Und umgekehrt ist das genauso. So geht mir das mit allen Gedichten, die ich als Lied gelernt habe.

 

Sechs: Hast Du schon einmal in einem Stau gestanden?

Stau? Sowas mit Auto? Ja. Und dann gleich der Klassiker: Ich muss mal ganz nötig. Was damit endete, dass ich mich auf der Autobahn neben das stehende Auto gehockt habe. Tosender Beifall.

Die liebsten Staus sind mir aber die am Ende von Rolltreppen. Oder hinter dem Drehkreuz am Eingang von Supermärkten. Wenn ältere Herrschaften sich erst einmal etwas orientierungslos freuen, dass sie endlich erfolgreich angekommen sind, stehen bleiben und sich in aller Ruhe umschauen. Mehr als einmal hätte ich dabei aus Versehen schwungvoll einer Omi meinen Einkaufswagen fast in die Hacken gerammt. Das schönste Bild bot sich mir allerdings mal, als drei Herren hintereinander laut rufend auf der laufenden Rolltreppe Rückwärtsschritte treppab machten, um einer Kollision zu entgehen.

 

Sieben: Wohin würdest du dich teleportieren, wenn Du könntest?

Was heißt hier „wenn du könntest“? Zugegeben, es kommt nicht oft vor, dass ich aus der Haut fahre, aber dann stehe ich da und antworte auf Fragen wie „Und? Wie geht es dir mit „Gut, und selbst?“ während ich gleichzeitig meinem Administrator mitten im Gesicht sitze, weil eine halbe Stunde Schreibarbeit mit einem plötzlichen Bluescreen ungesichert ihr Ende fand. Da hocke ich dann, mitten auf seiner Nase, laut schimpfend, furchteinflößend wie eine Gestalt aus den Körperwelten (zur Erinnerung: Meine Haut steht ja noch da rum) und  lade meinen geballten Zorn über die Missstände der Zeit auf ihm ab. Wenn ich dann außer Puste bin, kehre ich zurück zu meiner Haut, setze mich hin und denke: „Ach was soll’s. Beim zweiten Anlauf sind die Texte eh meist besser.“

 

Acht: Grün?

Grün? Lieber Amaot, wieso ist das hier Frage acht? Es heißt doch „grüne Neune“. Ich bin verwirrt.

Bist du mir nun nicht grün oder etwa noch grün hinter den Ohren? Falls du wegen der Acht noch auf einen grünen Zweig kommst, lobe ich dich gern über den grünen Klee.

Darf ich hierauf hoffen? Dann gib mir grünes Licht, bevor ich mich noch grün und blau ärgere. Grün und blau? Ach, das ist doch dasselbe in Grün.

 

Neun: Warst Du schon einmal an der Nordsee?

Die Frage ist doch eher, ob die Nordsee schon einmal bei mir war! Eingeladen habe ich sie jedenfalls. Und das kam so:

Bei meinem letzten Besuch ging ich so an ihrer Kante entlang. Plötzlich leckt sie mir an den Füßen.

„Na! Nordsee! Lass diese Schweinereien, darauf steh ich nicht!“

„Was du immer gleich denkst“, antwortete sie. „Also wirklich! Nein, eigentlich möchte ich fragen, ob du mich mitnimmst. Hier ist es nicht mehr schön.“

„Wie soll ich dich denn mitnehmen? Und warum überhaupt. Hier ist es doch wunderschön! Die Möwen fliegen über dir, und jeden Abend tunkt sich die Sonne in dich hinein. Warum also willst du fort?“

„Ach, es ist alles nicht mehr wie früher. Die Küsten schränken mich ein, und seit man mein Watt vermessen hat, spricht alles nur von Stromerzeugung. Dazu kommen die ganzen Bohrtürme, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr die jucken. Am liebsten würde ich umziehen. Aber vielleicht reicht ja auch einfach mal ein Tapetenwechsel.“

„Na, wenn das so ist, kann ich ja froh sein, dass du nur ein wenig in meine Schuhe geschwappt bist und nicht gleich als Tsunami das Weite suchst.“

„Siehst du. Und du schimpfst gleich.“

„Entschuldige. Aber wenn du hier wirklich mal weg möchtest: Du bist herzlich willkommen bei mir daheim. Ich würde mich nämlich freuen, wenn es bei mir nicht nur Spatzen, Amseln und Krähen gäbe, sondern auch ein paar Möwen. Ich fahre in den Baumarkt und hole ein paar Sack Sand. Dann baue ich uns einen kleinen Strand, und abends beim Sonnenuntergang trinken wir gemeinsam ein Glas Wein. Was meinst du?“

„Das ist sehr freundlich von dir, ich danke dir für die Einladung. Ja, ich komme gern. Nur – wie? Ich kann ja schlecht auf ein Erdbeben warten. Hast du nicht eine Idee?“

„Tja … Hm. Sag mal, wie gut warst du zu deiner Schulzeit eigentlich im Sport?“

Die Nordsee überlegte. Es erinnerte sich gern an seine Schulzeit. Hier hatte sie alles über Fischschwärme, Algenzucht und die Anlage von Korallenriffen gelernt. Aber Sport? Nun ja.

„Ich glaube, in Sport war ich immer recht faul. Für Ebbe und Flut reicht es aber.“

„Was ist mit Springflut?“

„Kann ich, aber dafür müsste ich erst ordentlich trainieren. Bei sowas ist man wirklich sehr schnell aus der Übung.“

„Dann würde ich vorschlagen, dass du mit deinem Training beginnst. Und dann, wenn du kräftig genug bist, kommst du einfach mal auf einen Sprung vorbei. Du musst einfach nur in östliche Richtung bis zu den ersten Bergen springen. Da wohne ich.“

„So machen wir das. Dann machen wir es uns so richtig gemütlich. Ich bringe gern ein paar Seesterne und Meerjungfrauen mit. Magst du eigentlich Meerrettich? Den bringe ich auch mit. Und ein bisschen Käse aus Holland.“

Und seitdem warte ich. Ob sie noch trainiert? Neulich las ich von Deicherhöhungen in Holland. Vielleicht dauert es einfach noch etwas. Aber irgendwann wird sie kommen. Mit ihrem wunderbaren Rauschen. Und dem Käse aus Holland.

 

Zehn: Die längste Minute in Deinem Leben?

Tja. Diese Frage impliziert einen unbequemen Zustand, in der die Zeit einfach ihren Dienst verweigert und nicht einfach vergeht, wie sie das in schönen Momenten so gern tut. Nein, sie setzt sich hin und wartet ab. Bis ihr mal jemand einen Tee bringt oder so.

Lange Minuten sind das Warten auf das Ergebnis eines Schwangerschaftstests oder das erlösende Wort des Zahnarztes „Da isser. Ich hab ihn draußen“.

Meine längste Minute war auch keine schöne. Wer nah am Wasser gebaut ist, sollte hier aufhören zu lesen. Diese Minute war die letzte Minute im Leben meines Vaters. Der Verlauf der Krebserkrankung war mit einem guten halben Jahr von der Diagnose bis zum Tod denke ich vergleichsweise schnell. Nach den Operationen bildeten sich die Rezidive schneller als die Narben verheilt waren. Eine Chemotherapie lehnte er ab. Sein Wunsch war es, zu Hause zu sterben, wie lange auch immer es noch dauern würde.

Da ich im selben Haus wohnte und er auch noch seine Freundin zur Seite hatte (Ja. Er hatte sich im zarten Alter von 75 neu verliebt), traute ich mir das zu. Auch meine Mutter war in ihrem Bett gestorben. Also schaffen wir das auch noch. Es war nicht sehr einfach, aber wer hatte das schon erwartet. Die Morphine führten immer wieder zu Wahnvorstellungen, und dann ging es im Haus so richtig ab. Neuer kurzer Aufenthalt auf der Palliativstation, und ab zurück nach Hause. Wie ich das Sterben eines Menschen in klaren Schritten erlebt habe, schreibe ich gern noch einmal gesondert, zumal ich merke, dass meine Schilderungen Freunden und Kollegen schon oft geholfen haben, wenn sie an der Reihe waren, den ersten Tod zu begleiten oder gar zu „organisieren“.

Ich fasse daher nur die letzten Tage kurz zusammen. Das Sprechen versagte immer mehr. Mein Vater schaute mich mit großen Augen an, ich wusste, dass er mir eigentlich noch etwas sagen wollte. Ich sah die Angst in seinem Gesicht. Daher fragte ich ihn, ob er sich um seine Freundin sorge. Was mit ihr wäre, wenn er nicht mehr da sein. Dann lächelte er und ich wusste, dass dies seine Sorge war. Ich versprach ihm , immer ein Auge auf sie zu haben. Und hatte die Idee, ob er ihr nicht als Zeichen seiner Verbundenheit noch einen Ring schenken wolle. Er nickte. Und ich ging in die Stadt und besorgte einen Ring, in den ich seinen und ihren Namen eingravieren ließ. Ich legte ihn in seine Hand und schickte seine Freundin zu ihm. Es flossen viele Tränen, aber es war gut so.

Dann kam der letzte Tag. Mein Vater konnte nichts mehr, die einzige Äußerung seiner Unruhe bestand darin, dass er es irgendwie immer noch schaffte, sich im Bett so zu drehen, dass er mit dem Kopf am Fußende lag. Drehten wir ihn wieder mit dem Kopf nach oben, dauerte es keine halbe Stunde, bis er wieder anders herum lag. Wir haben ihn dann gelassen. Dann fiel er in einen tiefen Schlaf und schnarchte vor sich hin. Zumindest ließ ich seine Freundin in diesem Glauben. Eingesetzt hatte das so genannte „Todesröcheln“, von dem ich wusste, dass es recht lange dauern kann. Ich gab meinem Bruder Bescheid, der sofort zu uns fuhr, um in diesen letzten Stunden gemeinsam Wache zu halten. Wir wechselten uns ab, um zwischendurch auch zumindest mal eine Stunde erschöpften Schlaf zu finden. Morgens um drei lag ich gerade auf dem Teppich im Wohnzimmer, als mein Bruder mich weckte und sagte: „Du musst kommen. Der Atem wird immer langsamer. Vielleicht noch zwei, drei Mal in der Minute“. Ich sprang auf. Ja, der Atem wurde immer langsamer. Am Schluss war es eine Minute. Dann zwei. Und als wir dachten, es ist geschafft, kam noch immer einer. Plötzlich sprang ich auf. „Papa, es ist gut, Du kannst beruhigt gehen. Wir kümmern uns hier um alles.“ Dann kam er. Der allerletzte Atemzug.

Mein Vater starb in dem Zimmer, in dem er 82 Jahre zuvor geboren worden war. In dem Bett, in dem auch meine Mutter gestorben war. Heute, nach einer jahrelangen Kernsanierung der Wohnung, steht dort unser Esstisch. Auf den freigelegten Holzdielen, auf denen mein Vater als Kind gespielt hatte. Manchmal denke ich, sie freuen sich. Und sitzen lachend mit uns am Tisch. Bestimmt.

 

Elf: Hattest Du ein Haustier oder hättest Du gerne eins gehabt?

Ich frage mich eher: Hatte ich mal kein Haustier? Doch. Kurz. Immer wenn eine der Katzen, die ich gerade hatte, eingeschläfert werden musste, weil sie alt und krank war. Es dauerte immer nicht lang, bis eine neue Katze ihren Weg zu mir fand, mich im Garten ansprach und fragte, ob ich vielleicht ein wenig Futter und einen warmen Schlafplatz für sie hätte. Nur einmal, da hatte es etwas länger gedauert.

Ich vermisste Leben in meiner Wohnung, wollte mir aber keine Katze holen, da ich wusste, dass irgendwann wieder ein armes Tier vor meiner Tür stehen würde und eine Heimat suchte. Offensichtlich tat ich meinem Bruder sehr Leid, daher schenkte er mir einen Käfig mit einem putzigen Zwerghamster. Ja, konnte ich denn ahnen, dass dieses Tier sich kamikazeartig die Tischkante hinunter stürzt, als ich es dort laufen und die Dinge begutachten ließ? Der erste Hamster wurde bei mir also keinen Tag alt. Wir besorgten einen neuen, aber auch der wurde nicht sehr alt, bekam eine Geschwulst am Kopf, die ihn sterben ließ.

Das Thema Hamster war für mich durch. Und passend stand dann auch die nächste Katze auf dem Hof. Sie fragte, ob ich sie mit hinein nähme. Ich ließ sie, und sie verließ diese Wohnung für über eine Woche nicht mehr, um auch ja klar zu machen, dass sie nun eingezogen war.

Irgendwann ging sie dann doch wieder hinaus. Und wurde nach ein paar Wochen dicker und dicker. Ich fuhr mit ihr zum Tierarzt, der mir versichert hatte, dass sie sterilisiert sei. „Nein, die ist nicht trächtig“, sagte er, „die hat bestimmt dieses Katzen-FIP“. Traurig nahm ich sie mit heim. Sie wurde immer noch dicker. Eines Morgens bettelte sie darum, dass ich ihr den Kleiderschrank aufmache. Das war morgens vor der Arbeit. „Nun gut“, dachte ich, „dann ist es jetzt so. Wenn ich nach Hause komme, habe ich entweder eine tote Katze oder ganz viele Katzen“.

Als ich heim kam, öffnete ich die Kleiderschranktür. Dort lag sie. Meine Katze. Und an ihr sechs daumengroße Katzenbabies.

 

Und hier nun meine elf Fragen an die elf weiteren Blogger, die ich anschließend nominiere:

1. Was denkst du über Menschen, die einen Apfel mit Stumpf und Stiel, also samt Kerngehäuse essen?

2. Ich habe so einige Wochen meines Lebens auf der Suche nach meinem Schlüssel verbracht. Kennst du das?

3. Wie bekommt man unsportliche Menschen von der Couch?

4. Von Katzen lernen heißt: Egal, wie viel Spielzeug herum liegt, am spannendsten ist der neue Karton. Aber was genau lernt man davon?

5. Hast du eine Strategie zur Bewältigung von Angst?

6. Hast du Kollegen schon einmal einen Streich gespielt?

7. Warum klingelt der Wecker immer zu früh?

8. Was ist schlimmer als zwei Blockflöten?

9. Was ist das früheste Erlebnis deiner Kindheit, an das du dich erinnern kannst?

10. Kaffee oder Tee?

11. Wünschst du dir was, wenn du eine Sternschnuppe siehst?

Zum Bloggen über diese Fragen nominiere ich:

 

Beziehungstat für die Lust am Leben trotz kleiner Widerstände

Woerterrausch für das Schreiben zu allen Themen, die denkbar sind

Krähen und Graue Geister für eine wunderschöne Sprache

Eulenkönig für wunderbare Poesie des Daseins

Alfons Rauch, weil er genauso wie ich mal wieder mehr bloggen sollte

Wuppertaler Alltagswunder für frischen Wind im Tal

Dramaprinz für die schrägen Gedanken

Mitbadezentrale fürs Brabbeln

Pattafeufeu – der Junge kann doch nicht immer nur studieren

Der Dörk – und es gibt immer noch etwas, über das wir zu Hause noch nie gesprochen haben

Songbirdintherain für ihre Achtsamkeit

 

 

 

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