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Schöne Musik oder: Räumt besser mal die Brücken weg

Donnerstag Mrz 20, 2014

Als Sänger ist man häufig damit konfrontiert, schöne Musik mit grausamen Texten zu singen.  Da ist sicher der Herr Bach zu nennen, der ja sehr gern mal das Sterben schön hat.

Aktuell studieren wir ein zeitgenössisches Werk ein, in dem zeitgenössische Lyrik vertont wird. Da geht es unter anderem darum,  dass allem Anbeginn der Tod innewohnt, der sich Tag für Tag mehr vom Leben nimmt und alles daher nicht wirklich einen Sinn ergibt. Mit dieser Einstellung habe ich kein halbvolles oder halbleeres Glas, ich habe nicht mal Wasser. Oder ein überhaupt ein Glas.

Mein Lieblingstext aus dieser Kategorie ist und bleibt aber eine Vertonung von Zoltán Kodály. Ich weiß noch, wie man dem Kammerchor nach jeder Probe an dunklen Abenden erst einmal alle Brücken aus dem Weg räumen musste, auf dass sich niemand herunterstürze.  Die Musik: Ein wunderbarer Klangteppich. Die Konzerte: Ein voller Erfolg. Aber wir sind uns bis heute sicher: Würden wir dieses  Stück in einem Seniorenzentrum singen, gäbe es spätestens im Anschluss an die letzten beiden Verse jede Menge freie Plätze im Heim:

 

Zoltán Kodály: Die Alten

Wie einsam, verwaist die Alten sind!
Ich seh ihnen nach gar oft aus dem Fenster,
wenn mitten im Schnee,
mit schwerer Reisiglast
matt sie sich heimwärts schleppen im Wind.

Und wenn vorm Hause zur Sommerzeit
so müd sie hocken im Sonnenscheine.

Und wenn sie den langen Winterabend
still durchschlummern am Ofen gelehnt.

Steh´n mit lang ausgestreckten Händen
kummergebeugt vorm Kirchentore,
herbstlich welken Blättern gleich
im grauen Staube.

Wenn sie auf Stöcken schlotternd
tief gebückt geh´n durch die Gassen,
frostig starrt sie selbst die Sonne an,
und wie seltsam klingt´s, wenn Leute rufen:
Gott grüß Euch, Alter!

Des Sommers Glanz, des Winters Frost,
welkes Herbstlaub, frühlingsergrünte Flur,
eins raunen ihnen alle zu:

Lebenskessels verkohlte Asche,
Lebenskarrens verdorrter Strohhalm,
Lebensfeuers erlosch´ne Lohe,
du bist aufgezehrt,
du bist abgetan,
du bist ausgebrannt!
Magst zur Ruhe geh´n!

Und streichelt ihre müde Hand,
lockenumrahmtes Kindergesicht, wie weh tut´s zu wissen:
Diese Hand, die ewig sorgende, nimmer ruhende,
keiner, ach, keiner braucht sie auf Erden.

 

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