echolotta

RSS Feed

Das Notizbuch.

Mittwoch Sep 19, 2012

Große Ohren hat der Hase. Und wie wir vom Wolf wissen, sind große Ohren dazu da, um besser hören zu können.

Der Hase, den ich meine, lauschte immer besonders gut. Ihn interessierte aber selten, was sich die Menschen oder die Tiere im Wald mitzuteilen hatten. Das meiste davon hielt er für Geschwätz.

Der Hase, den ich meine, lauschte mit Vorliebe dem Wind. Der Wind kam von weit her, brachte oft Geschichten aus ganz anderen Teilen des Landes mit. Manchmal kam er vom Meer, und der Hase glaubte, in seinem Rauschen das Getöse der Wellen noch zu erkennen. Oft klang der Wind aufbrausend, manchmal aber auch hüpfend lustig oder tuschelnd, als habe er Heimlichkeiten weiterzutragen.

Und der Hase schrieb. Er hatte ein Notizbuch, in das er alles hineinschrieb. Die Geschichten, die er wirklich hörte, die Geschichten, die er glaubte, wenn er dem leisen Tuscheln innerlich Bilder gab. Seite um Seite wurde im Lauf der Zeit sein Notizbuch gefüllt.

Eines Tages ließ er sein Notizbuch versehentlich liegen, auf einer Lichtung im Wald. Er war nach Hause in den Bau geeilt, weil die Häsin Nachwuchs erwartete. Da war er sehr eilig geworden. Das Buch lag aufgeschlagen in dem härchengleichen Gras der Lichtung, aufgeblättert in seinem letzten Eintrag.

Ein leichter Windhauch strich über die Lichtung und bewegte das oberste Blatt des aufgeschlagenen Notizbuchs. Der Wind sah, was dort geschrieben stand. Es ging um ihn! Ob darin wohl noch mehr stand? Da wurde der Wind kräftiger. Er wollte lesen, was der Hase über ihn dachte.

Seit Stunden nun blättert der Wind in des Hasen Notizbuch. Er schlägt die Blätter um. Er liest sehr gründlich und immer wieder. Daher schlägt er vor und zurück, vor und zurück, und vor und zurück. Der Wind ist ein merkwürdiger Leser.

 

 

 

 

 

Comments are closed.

Black&white Wordpress Theme. Design: xns.ru & Moscow night photography.