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Mein Chor vergisst im Restaurant Bombay a) Bach-Noten b) einen Bleistift c) eine Sonnenbrille

Freitag Feb 18, 2011

Zurück aus Bombay. Bombay, Arabisches Meer, der Konkan, Prithvi Theatre.
Nun sitze ich hier. Sitze vor der mitgebrachten Notenmappe, der mitgebrachten Sonnenbrille im mitgebrachten heißen, schwülen Wetter, die Nase riecht noch Ingwer, Fenchel, Zwiebel, Kokos, Kurkuma, ich lasse die beschwerliche Reise Revue passieren.

In Gedanken versunken nehme ich die Mappe zur Hand. Ein freundlicher alter Sikh hatte sie mir zusammen mit der Sonnenbrille am Tag meiner Abreise geschenkt und mir gesagt, dass in diesen Gegenständen der Schlüssel zur Einheit der Schöpfung und der Abkehr vom Aberglauben liege. Eine merkwürdige Begegnung. Was er wohl gemeint hat? In Indien gibt es mehr Religionen, mehr Sprachen, mehr Menschen, mehr Riten und mehr Benimm-Regeln als Ameisen in der Wiese hier im Garten. Und das sind verdammt viele. Eine hat mich gerade sogar gebissen. Um auch nicht ansatzweise Gefahr zu laufen, irgendwem auf die Füße zu treten, machte ich gegenüber dem alten Sikh brav mein Namasté — eine Geste, die ja wohl hoffentlich auch den Sikhs nicht zu hinduistisch ist — steckte das Geschenk ein, dankte und wünschte dem Alten Herrn alles Gute. Wenn ich mir unsicher bin, wünsche ich immer “Alles Gute”. Das wird ja wohl in keiner Religion falsch sein.

Eigentlich schreit mein Rasen im Garten nach einer neuen Frisur, aber die Neugier siegt. Ich öffne die Mappe, um diesem Rätsel näherzukommen. Neben einem leeren Block, einem Bleistift und ein paar Zetteln beinhaltet die Mappe im Wesentlichen Noten von Schütz und Bach. Schütz und Bach? Moment mal. Wie kommen die Inder an Noten von Schütz und Bach, Kernwerken deutscher Kultur? Ich denke, die haben ihre Morgen-Ragas, Abend-Ragas, Regen-Ragas, Frühlings-Ragas und sonstige Ragas, die jeweils mit der emotionalen Qualität des jeweiligen Zeitpunkts übereinstimmen. Vor dem musikalischen Raster eines Ragas sind Schütz und Bach schier nicht anhörbar. Das tut sich niemand freiwillig an. Ich überlege schon, ob diese Noten wohl einfach nur von irgendeinem senilen Deutschen in Bombay vergessen worden sind, als ich die Idee habe, mal etwas genauer in die Noten zu schauen.

Und siehe da! Die Noten sind gespickt mit handschriftlichen Eintragungen (deshalb wohl auch der Bleistift in der Mappe. Ob ich hier wohl den Bleistift des Schreiber in der Hand halte? Irre Vorstellung, jemandem, den man nicht kennt, plötzlich so nahe zu sein). Da hätten wir einmal eine ganze Reihe Kommentare wie „Tonlage unsicher“, „nicht betonen“, „noch unklar“, „ab hier wird’s unsicher“, „Einsatz“, „nicht zu sehr hetzen“. Alles in allem beschließe ich, dass der Verfasser der Eintragungen wohl ein gut beobachtender selbstkritischer Mensch sein muss, der sich im Vorfeld lieber absichert als die Dinge schicksalsergeben auf sich zukommen zu lassen.
Und dann gibt es in den Noten noch Kringel. Aber nicht Kringel um Noten, sondern immer nur Kringel um Wörter. Umkringelt sind: „Garben“, „mit Freuden“, „Samen“ und „herzlich lieb“.
Gemessen an der Anzahl aller zum Umkringeln zur Verfügung stehender Wörter läss die Auswahl meiner Ansicht nach eindeutig auf Beischlaf auf dem Heuboden schließen (Ih, und ich hatte grad noch den Bleistift in der Hand).

Wir hätten also einen gut beobachtenden, selbstkritischen Verfasser, sich im Vorfeld lieber absichert als die Dinge schicksalsergeben auf sich zukommen zu lassen und der während des Singens offenbar an Beischlaf auf dem Heuboden denkt. Aha. Bei der Disposition werden die Pariser ja wohl in der Tasche gewesen sein.

Aber was hat das nun mit einem Schlüssel zur Einheit der Schöpfung und der Abkehr vom Aberglauben zu tun? Lieber alter Sikh, ich verstehe dich nicht. Ist der Beischlaf auf dem Heuboden das Sinnbild für die Einheit der Schöpfung? Nein. Vereinigung der Schöpfung vielleicht, aber Vereinigung ist noch lange nicht Einheit. Und Absicherung will auch so gar nicht zur Abkehr vom Aberglauben passen. Wenn ich mich absichern will, gehe ich lieber keine Risiken ein und schwimme besser im alten Gewohnten mit. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ein sich musikalisch Absichernder während des Singens an etwas ganz anderes denkt? Nein, auch nicht. Ich habe zum Beispiel einen Chorleiter, der ständig will, dass ich beim Singen an was anderes denke als nun gerade an genau das, was ich singe. Statt Jesus soll ich mir zum Beispiel oft Peter vorstellen. Sowas ist also völlig normal (Ich gestehe auch, dass ich mir dann statt Peter noch ganz andere Leute vorstelle). Ich komme also einfach nicht weiter und beschließe, mich erst einmal meinem schreienden Rasen zu widmen.

Völlig abgekämpft vom Rasen-Mähen bei 31 Grad im Schatten und gefühlten 200% Luftfeuchtigkeit trinke ich erst einmal eine halbe Flasche Wasser und rauche eine Selbstgedrehte. Wie war das noch in Bombay? Irgendwie vermisse ich beim Rauchen den Duft von Sandelholz und das bunte Treiben in den heruntergekommenen Gassen. Okay, den Fäkalgeruch vermisse ich nicht.

Wieder springt mir die Mappe ins Auge und scheint zu rufen: Öffne mich! Komm herein! Gut. Also noch einmal von vorn, aber diesmal setze ich die Sonnenbrille auf; es ist wirklich Hochsommer im Tal. Ich nehme die Mappe und klappe sie auf. Bevor ich noch ein Wort lesen kann, läuft wie ein dünner Faden eine leise Musik in mein Ohr. Es ist indische Musik, eine Tabla, eine Sitar und eine Frau, die singt — jener Klang, der ständig im Wechselverhältnis von Freiheit und Disziplin steht und damit Sinnbild des menschlichen Lebens ist. Die Musik spricht mit einer einzigen Stimme.

Um so mehr, genauer und intensiver ich hinhöre, desto lauter wird die Musik. Ich lausche auf den Text und summe die Melodie mit, bis ich sogar mitsinge. Moment. Seit wann kann ich Marathi oder gar Urdu. Schlagartig wird mir klar, dass die Frau deutsch singt. Sie und ich singen grad gemeinsam ein „Die mit Tränen säen“-Raga. Ja gibt es denn sowas? Ich kann doch eigentlich gar keine Ragas singen und die Stimme in der Mappe singt auch garantiert nicht deutsch. Gänzlich verwirrt nehme ich die Brille ab, um mich um die Sorgenfalten auf meiner Stirn zu kümmern, indem ich einmal mit den Händen durch mein Gesicht streiche.

In dem Moment, wo die Sonnenbrille nicht mehr vor meinen Auge ist, verstummt die Musik in der Mappe. Aha. Und wenn ich sie wieder aufsetze, geht die Musik wieder an, wetten? Ja. Tatsache.
Das Ganze ist derart skurril, dass hier wohl der Schlüssel zu dem liegen muss, was der alte Sikh mir angekündigt hat. Ich stelle unter diesen neuen Aspekten also nochmal die Ziele auf den Prüfstand. Was hat ein „Die mit Tränen säen“-Raga mit der Einheit der Schöpfung zu tun?

Die Lösung liegt auf der Hand: Ob in Indien oder in Wuppertal, ob ich ein Salwar Kameez oder eine Cargohose trage, ob ich eine Tonleiter in 12 oder 22 Töne aufteile, ob ich Barmer Platt oder Urdu spreche: Wir alle denken und fühlen dasselbe und haben ähnliche Methoden, uns auszudrücken und mitzuteilen. Wir sind gleich, auch wenn die Mittel und Werkzeuge sich im Detail unterscheiden mögen. Es gibt überall auf der Welt Tränen und es gibt überall auf der Welt Musik und mitunter den Wunsch, erstere durch letztere mitzuteilen. Der Glaube, dass Religionszugehörigkeit oder Politik daran etwas ändern können, ist ein Aberglaube.

Für diese einfache Erkenntnis braucht es manchmal eine Sonnenbrille. Und die muss nicht zwingend rosarot sein, sondern darf auch schwarz sein und rote Bügel haben.

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