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Stettiner Fluchten

Freitag Aug 28, 2015

Teil 1

Viel ist es nicht, was ich über Stettin weiß. Und die Zeit, als meine Mutter dort lebte. Es war 1936, meine Mutter war acht Jahre alt, als ihre Mutter dort in einem Krankenhaus starb. Sie war am Blinddarm operiert worden, hatte nach der Operation fürchterlichen Durst. Man gab ihr wegen der Infektionsgefahr nichts zu trinken. Doch meine Großmutter fand die Blumenvase und trank sie leer. Durst ist schlimm.

Bitterkalt müssen die Stettiner Winter gewesen sein, denn eines Morgens fand meine Mutter ihre Katze erfroren auf der Treppe zum Haus. Wie meine Mutter mit diesen Verlusten umging? Ich weiß es nicht. Immerhin hat sie bis ins Alter hinein diese Geschichten erzählt; sie müssen einschneidend genug gewesen sein. Ansonsten hat sie nie viel von ihrer Heimatstadt berichtet. Sie ging zur Schule, ja. Hatte sie Freundinnen? Wo war sie, als die ersten Bombenangriffe kamen? Sie sprach oft davon, dass man sie im Krieg einmal nach Rügen in ein Heim geschickt hatte. Warum? Um dem Krieg zu entgehen? Um einmal genug zu essen zu bekommen?

Ich weiß nur, dass sie eines Tages nach der Schule nach Hause ging und dieses Zuhause nicht mehr da war. Eine Bombe hatte es in Schutt und Asche gelegt. Von den Hausbewohnern fand sie niemanden mehr. Nicht ihren Vater, nicht ihre beiden Brüder. Da war sie 15 Jahre alt. Was ging ihr im Kopf herum? Welche Ängste tobten in ihr? Wie kam es, dass sie sich (gemeinsam mit einem Flüchtlingstreck? Allein?) aufmachte Richtung Westen? Read the rest of this entry »


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