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Der alte Mann

Dienstag Aug 6, 2013

In der kleinen Fabrik gegenüber meinem Arbeitsort gibt es nur ein Fenster, das immer geöffnet ist. Aus diesem Fenster schaut ein alter Mann. Dieser alte Mann trägt einen blauen Arbeitsanzug, der für eine Arbeit an öligen Maschinen spricht. Der alte Mann stützt sich auf seine Unterarme und schaut … ja wohin schaut er? Beobachtet er die Autos auf der vielbefahrenen Bundesstraße? Die Passanten? Überprüft er die Taktung der Busse? Die Taktung der Wolken am Himmel?

Der alte Mann sitzt dort jeden Tag. Er sitzt dort morgens. Mittags. Nachmittags. Um 16 Uhr, bei Werksschluss, ist er verschwunden. Er verlässt seinen Platz höchstens mal für zehn Minuten.

Ich weiß nicht, was die Firma produziert, groß ist sie nicht. Vielleicht ein Familienunternehmen. Genau das mag ich mir sehr gern vorstellen. Der Senior der Familie, längst aus dem Beruf ausgeschieden, steht noch jeden Morgen um halb sechs auf. Frühstückt, schmiert sich seine Butterbrote für den Tag. Dann geht er zu Fuß in seine Firma. Das ist nicht weit; er wohnt in einem der Hinterhäuser aus Backstein. Er betritt die Werkshalle, schaut kurz nach dem Zustand der Maschinen. Begrüßt seinen Sohn, der selbst schon hoch in den Fünfzigern ist. Er setzt sich an seinen Arbeitstisch und repariert eine Zange. Doch dann geht er ans Fenster. Und seine Gedanken driften ab. Er denkt an den erfolgreich an Land gezogenen Auftrag in den 1960er Jahren. Seine verstorbene Frau. Und wie er es geschafft hat, in seiner Zeit als Firmenchef nie auch nur einen einzigen Mitarbeiter entlassen zu müssen. Im Hintergrund das vertraute Geräusch der Maschinen.

Um 16 Uhr geht die Werksglocke. Sie ist nie durch ein moderneres Signal ersetzt worden. Der alte schnuppert noch einmal die ölig riechende Luft, packt seine nun leere Butterbrotdose ein und geht heim.

Seine Familie lässt ihn. Der Sohn fragt sich oft, worüber sein Vater jeden Tag nachdenkt. Was überhaupt noch in seinem sehr alten Kopf vorgeht. Ob er nicht besser dafür sorgen sollte, dass sein Vater in ein Seniorenheim gehe; es musste ja auch nicht das günstigste sein. Man hatte privat immer sparsam gelebt. Aber er wusste: Am nächsten Tag würde sein Vater wieder in der Werkshalle stehen. Das Fenster öffnen, hinausschauen – und irgendwie glücklich und zufrieden sein.


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