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Saunatag

Samstag Nov 4, 2017

Freier Tag. Zeit. Sauna.

Wann immer jemand nicht weiß, womit er oder sie mich beschenken soll, lautet meine Empfehlung: Besorg mir doch einen Gutschein für die Sauna. Egal, welche. Nur nicht so weit weg, dass ich auf der Heimfahrt am Steuer vor wohliger Entspanntheit einschlafe. Und so habe ich immer einen kleinen Vorrat an Saunagutscheinen für die Wellnesstempel der Umgebung.

Heute steht ein ganzer Tag zur Verfügung, also darf es die riesengroße Saunaanlage sein, mit Saunen drinnen und draußen, kaltem und heißem Wasser aller Art, salzig, nicht salzig, in Becken, aus Regenwaldduschen, gefroren aus Wänden herausbröckelnd, erwärmt aus Birkenzweigen. Tasche gepackt, kurz die Besucherauslastung gecheckt, und auf geht´s.

Sauna bedeutet für mich: Bitte mit Aufguss. Dieses langsame Dahinsterben in trockenen Saunen, bis mein Körper ein gelangweiltes erstes Schweißtröpfchen durch die Haut presst, ist nichts für mich. Außerdem gibt es nichts Schöneres, als nackt auf einem Handtuch zu sitzen, zu dampfen wie ein Topf Suppe kurz vor dem Überkochen und dabei einen bekleideten Bademeister richtig heftig arbeiten und dabei erstaunlicherweise nicht tot umfallen zu sehen.

Laut Aufgussplan findet der nächste Aufguss, Sandelholz, und für die samtweiche Haut reichen wir Ihnen zwischendurch Salz mit Menthol für ein Peeling, in einer der großen Saunen statt, die locker 50 Personen fasst. Ein kurzer Blick über die Besucherzahl rät mir, die Sauna frühzeitig aufzusuchen, um a) überhaupt einen Sitzplatz zu bekommen und b) einen Platz auf der mittleren Bank. Es ist weniger die Angst vor der großen Hitze auf den oberen Bänken als eine akribisch genaue Berechnung, wie lange es dauern wird, die Sauna im Falle eines eckigen Kreislaufs verlassen zu können. Insbesondere, wenn unter einem ein Block Walrösser sitzt, die zwar in der Regel sehr freundlich, aber eben nicht besonders schnell sind, wenn sie ihre wuchtige Masse vom S(schw)itzen in die Vertikale bewegen müssen.

Was dann geschieht, ist in etwa vergleichbar mit dem Ansturm vor einer Arztpraxis kurz vor der morgendlichen Öffnung. Ja früh genug da sein, um als erster dran zu kommen oder zumindest einen guten Sitzplatz im Wartezimmer zu ergattern. Schon eine gute Viertelstunde vor dem Aufguss sichern sich die ersten Besucher die besten Plätze auf den mittleren Bänken. Ist die Bank voll, muss jedes Mal jemand aufstehen, wenn jemand notgedrungen einen Platz auf der oberen Bank besetzen will, die Dreisten setzen sich zwischen die Füße derjenigen von der mittleren Bank auf die untere Bank. Was bedeutet, dass ihre eigenen Füße auf dem Boden stehen, jenem schmalen Gang, den der Bademeister braucht, um durch den Raum zu gehen und die heiße nasse Luft zu verwedeln. Es gibt Bademeister, die solche Leute auffordern, den Gang frei zu machen. Nach einiger Zeit der Diskussion rücken die Besucher auf der mittleren Bank dann stöhnend und schimpfend noch enger zusammen.

Auch dieses Mal ist es so. Die Sauna ist riesig, die drei Bänke gehen in drei Etagen fast im Rund einmal um den Aufgussofen herum. Die ersten Besucher dampfen schon 15 Minuten vor dem Termin auf den mittleren Bänken vor sich hin. 15 Minuten in einer Sauna sind lag, vor allem, wenn die Aufgussrunden dann erst noch beginnen. Kaum einer traut sich die Handtuchnummer, wie sie in am Pool eines All-Inclusive-Urlaubs zum Sichern der Liegen üblich ist. Wer auf seinem Handtuch sitzt, verlässt es nicht wieder. Ob es die Angst ist, dass das Handtuch nicht mehr in seiner angemessenen Breite auf der Bank liegt, wenn man sich draußen noch einmal abkühlt und dann wieder rein kommt? Oder die Angst, als Weichei zu gelten, wenn man schon so früh hinein geht und es dann doch nicht so lange aushalten möchte?

Zehn Minuten vor Beginn des Aufgusses. Die Sauna ist gestopft voll, auf der zweiten Bank sitzt man fast Haut an Haut. Die ersten Schmatzgeräusche von schwitzenden Körpern sind vernehmbar. Hier und dort wird geschwatzt, die Schwiegertochter ist eine einzige Enttäuschung, und hast du schon gehört, dass Hilde eine neue Hüfte bekommen soll? Die ersten Verzweifelten streiten darum, ob die Tür der Sauna nun schon aufgestellt werden kann, um Sauerstoff aka kühle Luft für die viel zu früh Hereingekommenen und nun Leidenden hereinzulassen. Kommen Sie doch später, wenn es Ihnen zu warm ist. Nach und nach wird es ruhiger im Raum. Schließlich muss der Bademeister ja jeden Moment kommen.

Und so starrt jeder vor sich hin, der Schweiß rinnt bereits in Strömen, jeder zählt die Minuten, bis die Tür aufgeht und ein riesiges Handtuch in kreisenden Bewegungen kühle frische Luft von draußen in den Raum befördert.

Nach einer gefühlten Unendlichkeit öffnet sich die Tür. „Guten Tag“, sagt der Mann im Anzug und zieht einen Staubsauger hinter sich in den Gang, der zu Füßen der Besucher um den Saunaofen führt. „Gestatten, ich bin Herr Klien und komme von der Firma Vakumeister, um Ihnen unser neuestes Staubsaugermodell vorzuführen. Oh, wie ich sehe, bin ich hier in einer Sauna. Das gibt mir die Gelegenheit, Ihnen auch unseren Saugwisch-Aufsatz zu zeigen, mit dem Sie mühelos auch Pfützen aufwischen können.“

Er schaut in die Runde. 50 Augenpaare (49,5, um genau zu sein, ein Mann trägt eine Augenklappe) mustern ihn schweigend. „Wie sorgen Sie daheim denn bisher für eine porentiefe hygienische Reinigung Ihrer Böden?“ Niemand antwortet. Schließlich fixiert Herr Klien seinen Blick auf eine Dame mittleren Alters in der linken Hälfte der dritten Bank. „Wieso starren Sie mich an?“ fragt die Dame, „könnten Sie sich bitte an den Sauna-Knigge halten? Starren ist ein absolutes Tabu und kann schnell als sexuelle Belästigung oder Herabwürdigung verstanden werden!“ Beifallendes Gemurmel der anderen Besucher. „Oh, nun gut, verzeihen Sie“, sagt Herr Klien, öffnet den Deckel des Staubsaugers und zieht den Staubsaugerbeutel hervor. „Schauen wir uns dann also bitte mal diesen Sack an, er ist wasserdicht …“ „Pfuiii“, ruft einer der Besucher, „so halten Sie sich doch an die Regeln, solche Wörter dürfen Sie in einer Sauna nicht einmal denken!“

Herr Klien errötet und lockert den Schlips um seinen Hals ein wenig. Es dürfte weniger die Wärme sein als die Doppeldeutigkeit seines soeben verwendeten Wortes. „Nun gut. Beschäftigen wir uns mit etwas anderem. Zum Zubehör des Staubsaugers gehören eine Reihe Steckteile …“ „Na, jetzt hören Sie aber langsam auf!“ „… mit denen Sie ein gutes Polster auch bürsten können.“ „Unglaublich! Verlassen Sie den Raum!“ Ein älterer Herr wirft mit einer unerlaubterweise hereingebrachten Schneekugel aus einem der Bottiche im Saunadorf. „Was kommt als nächstes? Wollen Sie uns den Saugrüssel beschreiben?“ „Ääääh, nun ja, das wäre auch ein besonderes Element dieses Geräts …“ Ein Sturm der Entrüstung erhebt sich in den Reihen. „Gehen Sie raus!“ Einige Handtücher fliegen durch den Raum.

Es öffnet sich erneut die Tür. Herein kommt der Bademeister mit einem Tablett voller Wassereis in den Geschmacksrichtungen Waldmeister, Zitrone und Cola. „Hier bitte, lassen Sie das Tablett gern herumgehen. Und beim nächsten Besuch …Vielleicht bilden Sie doch besser eine Schlange vor dem Eingang. Nach so einer langen Wartezeit in einer heißen Sauna stellen sich gern mal ein kollabierender Kreislauf und Halluzinationen ein.“


Mein türkischer Metzger

Samstag Sep 30, 2017

Der Metzger meines zähneknirschenden Vertrauens arbeitet in einer türkischen Metzgerei (was angesichts seiner türkischen Herkunft nicht weiter verwunderlich ist) und sieht aus, wie ein Metzger anständigerweise auszusehen hat: dicker Bauch, blutverschmierte weiße Plastikschürze, die ihm vom Hals bis zu den Knöcheln reicht.

Er hat ein bulliges Gesicht, mit dem er seine Kundschaft intensiv anstiert. Schwer zu sagen, ob er dies tut, weil sein Gehör vielleicht nicht mehr so gut funktioniert und weil ihn die kulturell bunt gemischte Kundschaft bei der Bestellung nicht immer seine Muttersprache erwarten lässt. Auf dieses Gehör kommen wir noch zurück. Eines der stierenden Augen in seinem Gesicht will nie so ganz in dieselbe Richtung schauen wie das andere, weswegen wir oft nicht so genau wissen, welchen Kunden oder welche Kundin er als nächstes bedienen möchte. Streng nach Reihenfolge in der Schlange zu bedienen, fällt ihm schwer. Ich vermute, es wäre ihm einfach zu ordentlich, zu deutsch.

Hinter ihm stehen die Werkzeuge, die wir von einem bodenständigen Metzger erwarten. Diverse Ausbeinmesser, ein Beil, das direkt einem Horrorfilm entsprungen zu sein scheint, eine hoch sirrende Knochensäge, die mühelos einen Lammnacken in dünne Scheiben zu zerteilen vermag. In der Auslage liegen mehr oder wenige liebevoll auf optischen Reiz angeordnete Fleischteile, streng nach Tierart getrennt. Wir sehen einen Berg grob abgehackter Hühnerbeine, einen weiteren mit Flügeln, aufeinandergestapelte Lammnacken, Kalb, sortiert nach Körperteilen, eine Wanne mit Lebern, alles wahlweise ungewürzt oder mariniert. Gigantische Wannen mit Rinder- und gemischtem Hack, und manchmal einer ebenso großen Wanne mit gewürztem Hack. Gulasch, das ohne eigene Nacharbeit niemals gleichmäßig gar würde, weil jeder Würfel eine andere Größe hat, von der Größe eines Würfels, wie wir ihn aus dem Würfelbecher kennen, bis hin zu einem Würfel, der fast einem Rubik’s Cube entspricht. „Grobschlächtig“ ist das Wort, das sich hier mühelos visualisieren lässt. Der Grund, warum ich mir diese Metzgerei ausgesucht habe, ist der, dass ich weiß, von welcher lokalen Schlachterei der Metzger beliefert wird und dass ich recht sicher weiß, dass der Schlachter bei der Auswahl des Schlachtviehs nur lokale, gut gehaltene Tiere wählt. Bei der Auswahl der weiterverarbeitenden Metzger ist der Schlachter allerdings weniger wählerisch, anders lässt sich nicht erklären, wie grobmotorisch mein Metzger die Tiere weiter zerlegt.

Kommt man morgens an seine Theke, schon eine Stunde nach Öffnungszeit, so ist die Theke noch sehr leer. Grummelnd kommt der Metzger aus den hinteren Räumen und schaut, wer ihn bei seiner Arbeit des groben Fleischzerlegens stört, und vor allem warum. Die Theke ist schließlich sehr übersichtlich, wie sollte sie auch voller werden, wenn man ihn, den Metzger, bei seiner Arbeit ständig unterbricht. Fast wütend stiert er einen dann an, sein „Was bitte?“ klingt, als müsse man ihm die Ergänzung „du Unwürdiger“ beibringen. Ordert man dann das Fleisch seiner Wahl, so schleudert der Metzger ein „nicht fertig, später kommen“ entgegen. Auf meiner Zunge liegt dann ein „Ja, Entschuldigung, das mache ich“.

Kommt man später am Tag, so findet man die Theke gut gefüllt vor. Der Metzger hingegen, anstatt stolz auf sein morgendliches Metzelwerk zu sein, scheint sich fast wehmütig von jedem einzelnen der tierischen Körperteile zu trennen, oder aber er schaut aus Sorge in seine Auslage, dass alles, was er nun verkauft, morgen wieder mit neuen Anstrengungen aufgefüllt werden muss.

An dieser Stelle beginnt er, mein Kampf. Mein regelmäßiger Kampf gegen den Metzger, mehr oder weniger genau das ausgehändigt zu bekommen, was ich haben möchte. Anfangs dachte ich, er versteht mich nicht richtig. Dass sein Gehör ihm einen Streich spielt, wenn er in die falsche Wanne greift oder mir die doppelte Menge der verlangten abwiegt. Oder dass sein Deutsch nicht so gut ist, dass er auf Anhieb jedes Genuschel verstehen kann und es ihm unangenehm ist, noch einmal nachzufragen. Dann – die schlimmste der denkbaren Varianten – dass ich als blonde Frau einfach nicht so ernst genommen werde wie der stämmige türkische Familienvater neben mir.

Mittlerweile bin ich mir aber sehr sicher, dass es all dies nicht ist. Ich glaube, mein Metzger lebt einfach in seiner sehr eigenen Welt von Ordnung, Qualität und theoretisch zu vertilgenden Fleischbergen. Und er hat bedauerlicherweise überhaupt kein Händchen beim Abschätzen von Fleischgewicht in selbigem. Dass die stämmigen Arme und Hände einfach den Unterschied von einem Kilo zu drei Kilo nicht fühlen können. Alles unter einem Kilo ist für ihn nicht vorstellbar, kaum mehr als ein Fliegenschiss. Dann kann man sich auch gleich einen Fliegenschiss braten.

 

„Guten Tag, ich hätte gern ein Pfund gemischtes Hack.“

Der Metzger wiegt 1200g ab. „Darf etwas mehr?“

„Verzeihen Sie, es ist meine Schuld. Ich wollte ein Pfund haben, das ist ein halbes Kilo. Doofes Wort.“

Der Metzger taucht sein Messer in das Fleisch, nimmt etwas herunter. 920g liegen nun auf der Waage. Wortlos packt er das Fleisch ein.

 

„Guten Tag, bitte ein Kilo Rindergulasch.“

Der Metzger schaut in die fast volle Wanne und sagt „Nicht mehr genug da, nehmen Sie die Hühnerbrust, heute sehr gut.“

Hat er mich jetzt nicht verstanden? Ein Kilo, nicht elf. Und Rindergulasch aus Hühnerfleisch ist jetzt auch nicht das Rezept der Wahl.

 

„Guten Tag, bitte ein Kilo Lammnacken.“ Der Metzger stapelt Scheiben von Lammnacken auf das Papier. Nach dem zehnten Stück, das er stapelt, denke ich, dass das jetzt mindestens 2,5 Kilo sein müssten. Als er das Fleisch auf die Waage legt, bestätigt sich meine Schätzung. Dieses Mal bemerkt er es sogar.

„Oh, zu viel. Wegnehmen?“

„Ja bitte.“

Grübelnd schaut er in die Fleischwanne. Piekt in den Stapel abgewogenes Fleisch, legt es zurück auf den Stapel.“

„Ach, nehmen, lasse einen Euro billiger.“

Und packt das Fleisch ein.


Der Anti-Tanten-Baum

Dienstag Jul 26, 2016

An meinen Garten grenzt das Haus meiner alten Tante.

Sie, Zeit ihres Lebens schon etwas neben der Spur, verfehlt die Spur mit zunehmendem Alter immer mehr. Sechs, sieben Mal am Tag verlässt sie das Haus, um ihren kleinen, keineswegs als niedlich zu bezeichnenden Hund Gassi zu führen. Meist tut sie dies zu Fuß, da sich dabei jeder, aber auch wirklich jeder auf ihrem Weg ansprechen lässt und potenziell in ein Gespräch verwickelt werden kann. Diese Gespräche beinhalten Fragen wie „Och, machst du die Pipibäumchen vom Hund weg?“ wenn ich gerade Unkraut ziehe, Gerüchte wie „Die Firma nebenan ist ja wohl auch pleite und macht bald zu“, wenn gerade mal Brückentag genommen wird, oder handfeste organisatorische Probleme wie „Ogottogott, auf der Straße ist jetzt eine Baustelle, wie soll ich denn mit dem Hund Gassi fahren?“

A propos fahren. Das tut sie auch noch. Aber nicht nach Art alter Tanten, sondern wie Schumi light, Kinder, Katzen und Fußgänger suchen besser schnell das Weite, wenn sich ihre Garage einmal am Tag öffnet, damit der Hund auch mal im Wald sein Häufchen machen kann.

Jeder im Umkreis von einem Kilometer kennt meine Tante und seufzt. Neulich erzählte sie jedem, dass wir wohl arge Geldschwierigkeiten hätten, weil wir uns von der Wuppertaler Tafel beliefern lassen. Ein Nachbar im Haus arbeitet dort und hält schon einmal mit dem Wagen auf dem Grundstück. Mühsam, ihr zu erklären, dass Tafeln garantiert eines nicht haben: einen Lieferdienst.

Ihr Haus hat an der meinem Garten zugewandten Seite fünf Fenster. Vier davon werden von einer Birke verdeckt, der alte Baum schützt meinen Garten vor Fensterblicken. Da gibt es aber noch das Küchenfenster, das volle Sicht auf die gesamten 1200 qm Garten gewährt.

Von dort aus sieht sie, wann ich im Garten bin, und immer häufiger kommt es vor, dass sie einfach hineinkommt in diesen Garten, meinen Hort der kommunikativ sparsamen Ruhe, meine Burg, meine Insel im Menschenmeer. Um dort dann irgendwelche für sie nicht zu bewältigenden organisatorischen Probleme rund um ihr Haus zu besprechen, mich zum Handeln zu nötigen, um mich dann in unendlicher Dankbarkeit mit irgendwelchen abgelegten Kleidern „für die Gartenarbeit“ zu bestücken. Selbstverständlich beobachtet sie dann, ob ich diese Kleidungsstücke auch ehrfürchtig trage. Ein weiterer Grund, meinen Garten zu betreten. Wenn kein dringendes Problem vorliegt, dann beweint sie jede Pflanze, die aus 1200qm herausreiße. „Och, die hatte aber doch sooo schöne blaue Blüten!“ Ja. Hatte sie vielleicht. Aber wenn ich überall alles einfach immer nur wachsen lasse, dann haben wir bald einen Hopfengarten mit Ackerwinde und jeder Menge Brombeeren.

Heute Morgen überraschte sie, Gassi gehend mit dem Hund, mich mit der Beobachtung, dass ich ja heute schon eine Viertelstunde im Garten gelesen hätte. Sie weiß, was ich wann mache, wann es Essen gibt, wann und wie viel mein Mann im Garten arbeitet, ich arbeite, und findet es süß, wenn wir uns zwischendurch mal ein Küsschen geben.

Es reicht. Es reicht schon lange, aber jetzt reicht es wirklich. Wenn sie nicht Gassi geht, scheint dieses Küchenfenster wohl mittlerweile ihr Fernsehersatz zu sein. Dieses Fenster muss weg. Aber wie macht man Fenster weg? Ich kann es nicht in die Hände nehmen und um die Ecke wieder einbauen, wo sie auf ihr eigenes Grünzeug blicken könnte. Ein Baum. Ein Baum vor dem Fenster wäre toll. Aber wie lange soll ich warten, bis dieser so groß ist, dass er die Sicht auf mich in meinem Garten versperrt?

Im Internet gab ich dann die Wortkombination „schnellwachsender Baum“ ein. Und siehe da. Der chinesische Blauglockenbaum wächst 2-4 Meter im Jahr. Er ist breitkronig, seine riesigen Blätter haben einen Durchmesser von bis zu 60 Zentimetern, und „seine blauvioletten Blüten sind glockenförmig gewachsen und ziehen alle Blicke auf sich“. Ob mein botanisches Interesse nicht nach der unendlichen Schönheit eines solchen Blauglockenbaums giert? Und ob der beste Ort für den Baum nicht vor dem Küchenfenster meiner Tante ist?

Kurz und gut: Ich habe eine Gärtnerei gefunden, die mir in der kommenden Woche einen solchen Baum liefert.

Und ich freue mich auf ihn. So, wie ich mich auf den seligen Blick meiner Tante im kommenden April freue, wenn sie aus dem Fenster schaut und sagt: „Hach. Was sind das doch für wunderschöne blaue Blüten“.


Stettiner Fluchten

Freitag Aug 28, 2015

Teil 1

Viel ist es nicht, was ich über Stettin weiß. Und die Zeit, als meine Mutter dort lebte. Es war 1936, meine Mutter war acht Jahre alt, als ihre Mutter dort in einem Krankenhaus starb. Sie war am Blinddarm operiert worden, hatte nach der Operation fürchterlichen Durst. Man gab ihr wegen der Infektionsgefahr nichts zu trinken. Doch meine Großmutter fand die Blumenvase und trank sie leer. Durst ist schlimm.

Bitterkalt müssen die Stettiner Winter gewesen sein, denn eines Morgens fand meine Mutter ihre Katze erfroren auf der Treppe zum Haus. Wie meine Mutter mit diesen Verlusten umging? Ich weiß es nicht. Immerhin hat sie bis ins Alter hinein diese Geschichten erzählt; sie müssen einschneidend genug gewesen sein. Ansonsten hat sie nie viel von ihrer Heimatstadt berichtet. Sie ging zur Schule, ja. Hatte sie Freundinnen? Wo war sie, als die ersten Bombenangriffe kamen? Sie sprach oft davon, dass man sie im Krieg einmal nach Rügen in ein Heim geschickt hatte. Warum? Um dem Krieg zu entgehen? Um einmal genug zu essen zu bekommen?

Ich weiß nur, dass sie eines Tages nach der Schule nach Hause ging und dieses Zuhause nicht mehr da war. Eine Bombe hatte es in Schutt und Asche gelegt. Von den Hausbewohnern fand sie niemanden mehr. Nicht ihren Vater, nicht ihre beiden Brüder. Da war sie 15 Jahre alt. Was ging ihr im Kopf herum? Welche Ängste tobten in ihr? Wie kam es, dass sie sich (gemeinsam mit einem Flüchtlingstreck? Allein?) aufmachte Richtung Westen? Read the rest of this entry »


Man grüßt sich wieder.

Samstag Jan 17, 2015

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, aber man grüßt sich im Wald wieder.

Deutschland, Land der Muffköppe, Wuppertal, Stadt der Muffköppe im Land der Muffköppe – es fällt mir in jüngster Vergangenheit auf, dass jeder, egal welchen Alters, einem auf Wanderungen durch die vielfältige Natur mindestens einen “Guten Tag” entgegenmurmelt. Okay, manchmal eher gezwungen als enthusiastisch, aber immerhin. Manchmal stimmt auch die Tageszeit nicht, so kann es einem am frühen Abend durchaus passieren, dass jemand “Mahlzeit” sagt, aber dennoch.

Vor etwa 20 Jahren ist es mir extrem aufgefallen. Zu der Zeit war ich jedes Jahr mehrere Wochen in Irland, und da reicht ein einfacher Gruß nicht einmal aus. Jeder, dem man begegnet, grüßt erst freundlich, die meisten verwickeln einen dann wenigstens für ein paar Sätze in das allgemeine Wettergeschehen (meistens kommt der Schwenk in “Wer bist du, was machst du hier?” recht schnell.) Wenn ich dann wieder heim kam, musste ich mich nicht nur im Straßenverkehr wieder umgewöhnen, sondern auch meine zur Schau gestellte Menschenfreundlichkeit wieder ablegen. Wenn es doch einmal passierte, dass ich wildfremde Leute in einsamerer Umgebung grüßte, wurde ich verwirrt, fast zornig, angeschaut.

Das ändert sich. Ob es an der wiederentdeckten Freude der Menschen am Wandern liegt? An den vielen Premiumsteigen in Deutschland, die wie Pilze aus dem Boden schießen? Ich weiß es nicht. Niemand schaut mehr betreten nach unten oder in die Landschaft, wenn man aufeinander zukommt. Alle schauen einem ins Gesicht und grüßen. Manchmal auch mehr. Wie heute der alte Herr mit Dackel in den Wupperauen auf felsigem Pfad, der ungefragt erzählte, welche Abenteuer er in eben diesen Wupperauen schon erlebt hatte. Einem Jungen knapp vorm Stauwehr das Leben gerettet. Einen Schwan beobachtet, der sich an einem der aus der Wupper herausragenden Bäumen stranguliert hatte.

Ich kann nicht beschreiben, was es mit mir macht außer auffallen. Doch. Vielleicht habe ich auch im einsamen Wald mehr das Gefühl, dass ich mich in einer Gemeinschaft befinde. Einer Gemeinschaft von Menschen, die vielleicht gerade ähnliches sehen, erleben und empfinden wie ich. Und bereit sind, es zu teilen. Auch mit Fremden.

 


Liebster Award. Der Amaot hat mich gefragt, und ihr alle dürft lesen.

Donnerstag Jan 15, 2015

 

Da hat mich doch der Amaot auf seinem Blog für den „Liebster Award“ nominiert ?! Amaot? Mein allerliebster Lieblings-Blogger und -Twitterer, Follower der ersten Stunde, dessen Gedankenkapriolen mich ständig zum Lachen in den Keller schicken (und wenn ich da schon mal bin, kann ich ja auch gleich aufräumen und … Moment, hatte ich eigentlich den 2012er Tempranillo schon probiert?)

Zugegeben – ich wusste nicht, was der „Liebster Award“ ist und hatte schon leckere Schweinereien vermutet. Aber nein: Hier gibt es Rede und Antwort. Und wie lecker das Ganze wird, entscheide ich selbst.

Für den Liebster Award wird man von anderen Bloggern nominiert, bekommt und beantwortet 11 Fragen und nominiert wiederum 11 Blogger, denen man 11 neue Fragen stellt.

Der Liebster Award ist somit dazu gedacht, weniger bekannte Blogs bekannter zu machen.

Nun denn! So lest meine Antworten auf die Fragen von Amaot. Weiter unten (viiiiel weiter unten) findet ihr dann 11 Fragen, die ich an 11 Blogger stelle, die ich zur Beantwortung nominiere. Read the rest of this entry »


In eigener Sache: Wuppertippeln

Donnerstag Okt 2, 2014

… sicher nur von lokaler Bedeutung, aber das neue Baby im Haus ist das Einpflegen der Lieblings-Feierabend-Touren in eine neue Site, die sich mit Karten und Fotos unter www.wuppertippeln.de findet.

Und besonders schön ist es, zum Beispiel auf Twitter mitzubekommen, dass jemand diese Lieblingsrunden tatsächlich nachläuft!

 


Nur der Vollständigkeit halber … Handyticket Teil 3

Donnerstag Okt 2, 2014

… am versprochenen nächsten Tag meldete sich tatsächlich ein Herr von den WSW, um mit mir das Problem der erneuten Ticketzustellung zu klären. Ein Mensch mit Ahnung! Er ließ mich wissen, wie sehr er nun herumzauberte, um die zehn Tickets für mich erneut freizuschalten. Vom Typ her würde ich den Herrn am ehesten beschreiben wie den Bahnansager auf 1LIVE. “Schätzelein …” Was mich nicht wirklich störte, denn immerhin war er derjenige, der meine Odyssee nun beenden konnte.

Nur 15 Minuten später waren wir so weit, den Ticketabruf auf meinem Handy zu testen. Testen bedeutet, man ruft eine Fahrt ab … und dann läuft das Ticket. Läuft ab. Verfällt. Weil ich zu diesem Zeitpunkt ja im Büro saß und mein Chef mich vermutlich sehr merkwürdig angeschaut hätte, wenn ich ihm gesagt hätte “Das musst du jetzt verstehen, ich geh mal eben Bus fahren”. Der Herr von den WSW versprach mir, dass er diesen Test sofort wieder stornieren würde. “Aber nicht wundern, das können Sie auf Ihrem Handy gar nicht sehen.” Mhm. Diese ohnehin sehr merkwürdig programmierte App machte es dadurch nicht durchschaubarer.

Letztes Wochenende standen wir nun zu dritt nach einer Kanutour von Wuppertal-Barmen nach Vohwinkel an der Schwebebahnhaltestelle, und ich wollte von den (vielleicht) zehn Tickets drei abrufen. Die App konnte zwar den erfolgten Ticketkauf anzeigen, schien aber partiell unter Alzheimer zu leiden. Sie wusste, dass ich was gekauft habe, aber nicht, wer ich war. (Schwebebahn 1 war bereits ohne uns losgefahren). Bei dem Versuch, mich neu anzumelden … Tja. Raten Sie, was geschah. Die App stürzte ab!!!

Vollkommen entnervt, aber glücklich, im Portemonnaie noch einen Zehner zu finden, kaufte ich dann ein Viererticket am Automaten. Seitdem schleiche ich um die App herum und habe mich bisher noch nicht getraut, sie zu öffnen. Weil ich nämlich Angst habe. Angst, dass das Zehnerticket wiederum verschwunden ist und ich in der Warteschleife der WSW lande.


Baffi ist wieder da. Und Twitter hat sie gefunden.

Montag Sep 22, 2014

Montag Morgen im Büro.

Kreidebleich tritt mir meine Kollegin entgegen: “Die Baffi ist weg.”

In wechselndem Turnus bringt immer wieder mal einer der hundebesitzenden Kollegen seinen haarigen Gefährten mit ins Büro. Das ist zwar offiziell nicht erlaubt, aber wo kein Kläger, da ist bekanntermaßen auch kein Richter. Baffi ist der kleinste dieser Hunde, alt, fast blind, fast taub, aber immer noch munter in all unseren Räumen unterwegs. Warum auch immer – Baffi hatte gestern Nachmittag abenteuerlustig einen Tunnel unter dem Zaun auf dem Grundstück meiner Kollegin gebuddelt und war in der Lüntenbeck verschwunden. “Ich rufe gleich im Tierheim an, ich habe gestern bereits dem Ordnungsamt Bescheid gegeben. Ich habe echt Angst, dass Baffi überfahren worden ist, die taube Nuss. Was kann ich denn nur sonst noch tun? Sie ist natürlich gechippt, aber bisher scheint sie noch niemand gefunden zu haben.” Meine Kollegin weinte.

Neben der schon oft gesehenen Bepflasterung umliegender Bäume und Straßenlaternen mit Vermisst-Anzeigen kam mir dann noch Twitter in den Sinn. Wir sind schon einige Twitterer im Tal; aber wer liest es dann gerade? Und was nutzt es, wenn süddeutsche Leser meiner Bitte um Retweet einer Vermisstenanzeige nachkommen? Egal. Ich bat meine Kollegin um ein Foto – allein schon, weil ich dadurch das Gefühl hatte, wenigstens irgendwas zu tun, um einen kleinen Hoffnungsschimmer anzubieten.

Gesagt getan. Ich schrieb den Tweet, der sofort von ein paar Wuppertaler Twitterern retweetet wurde. Und dann das Unfassbare: Ein paar Minuten später antwortete @schizohell, dass ich mich über Facebook bei einer Frau melden könne, die den Hund gefunden habe. In einem zweiten Tweet bekam ich dann noch einen Screenshot mit einem Foto von Baffi.

Ich rief meine Kollegin herüber, die sofort Kontakt aufnahm, um dann loszufahren und Baffi abzuholen.

Und dann saß ich erst einmal hier. Hatte Twitter Baffi wiedergefunden? Ja! Twitter hatte tatsächlich Baffi wiedergefunden. Das habe ich natürlich sofort getwittert, aber wenn die Retweet-Maschine erst einmal läuft, läuft sie. Die Vermisstenanzeige wird immer noch retweetet, mittlerweile fast 40 Mal. Wer Twitter kennt, weiß, dass sich das nicht mal soeben stoppen lässt, da man all die Timelines, in denen sich der Tweet befindet, ja gar nicht mehr erreichen kann.

Mittlerweile liegt Baffi wieder in unserem Büro, wenn sie nicht gerade auf Leckerchen- oder Schmuserunde ist. Die Finderin des Hundes hatte wohl gestern ebenso wie meine Kollegin das Ordnungsamt kontaktiert. Leider hat man meiner Kollegin auch heute dort nicht gesagt, dass wohl in der Lüntenbeck ein Hund gefunden wurde, der der Beschreibung entspricht.

Aber was auch immer analog möglich gewesen wäre: Über Twitter hat die Suche viral so rasant Erfolg gehabt, wie ich es nicht vermutet hätte. Oder doch vermutet hätte? Auf jeden Fall weiß ich eines. Ein Tweet ist keine Stecknadel im Heuhaufen. Und Crowdsourcing über Twitter ist klasse.

 

 


Ich ging wie ein Ägypter, hab mit Tauben geweint … / Update Handyticket WSW mobil

Montag Sep 22, 2014

Seit dem 12.9. telefoniere ich also nun weiter hinter meinen nicht zugestellten Handytickets hinterher. 569-5220, die Rufnummer mit niemandem rund ums Handyticket. Nicht täglich, aber fast. Und immer wieder erreiche ich nur die Warteschleife, die einen nach 5 Minuten aus dem System wirft. Längst kann ich den Songtext von “Ich ging wie ein Ägypter, hab mit Tauben geweint” auswendig, und frage mich, warum sich mein Hirn mit Songtexten füllt, deren Verfasser offenbar kurz vor der Niederschrift ein Pfund Koks auf Ex konsumiert hat. (Mal ehrlich … versteht irgendwer, was Maria im Dornwald mit Bochum ’84 zu tun hat?)

Um mal einen Schritt weiter zu kommen, habe ich mich vorhin dann also an die WSW-Nummer “Lob & Kritik” unter 569-5250 gewandt. Ich habe erwartet, dass mich dort eine deeskalationsgeschulte Stimme erwartet, ein Lächeln vor dem Annehmen des Anrufs, eine Fröhlichkeit, die einem vermittelt, dass infizierte Kinder in Sierra Leone doch viel schlimmer sind als schnöde Tickets. Mir schlug jedoch die stimmbandmanifest gewordene Langeweile entgegen und der Eindruck, dass ich offenbar gerade jemand vom Zapfen eines frischen Kaffees abgehalten hatte. Immerhin nannte man mir dort eine alternative Rufnummer, unter der ich die zuständigen Leute bei Handyticket erreichen kann: 0800/569-2000.

Ein Lichtblick? Nö. Die anrufannehmende Dame (mit slawischem Akzent, aber immerhin wach) bot mir an, mich auf die Nummer 5220, Handyticket, umzuleiten. Wir waren uns schnell einig, dass ja genau das nicht geht. Also stellte sie mich durch zur Durchwahl 5210, wo man Fragen zu “Tickets allgemein” beantworten könne.

Mhm. Die Schleife, in die sie mich weiterleitete, besagte allerdings, dass ich nun in der Abonenntenbetreuung gelandet war. Es handelt sich aber nicht um Abo-Tickets. Was vollkommen egal ist, denn auch dort geht niemand ans Telefon. Ich habe es mehrfach getestet. Warteschleife, fünf Minuten, und wieder der Ägypter mit seinem lila Regen.

Der letzte Versuch ist nun, die WSW per Rückrufformular zu kontaktieren. Fast schon gar nicht mehr möglich, all das bisher (nicht) Vorgefallene in der zur Verfügung stehenden Zeichenbegrenzung zu schildern. Aber siehe da. Während ich diesen Text hier verfasse, hupt mein Handy mit der freundlichen Mitteilung eines freundlichen WSW-Mitarbeiters, dass man die Unannehmlichkeiten entschuldige und dass mich morgen ein Kollege diesbezüglich kontaktieren werde und man mich bis dahin freundlich grüße.

Nun – ich bin gespannt. Und warte. Auf morgen. Immerhin habe ich jetzt schon einmal einen Namen eines Herrn, der sich für mein Anliegen zuständig fühlen soll. Ob mein Handy morgen klingelt? Und was mache ich, wenn ich meine tägliche Dosis WSW-Warteschleife nicht mehr bekomme? Mit Tauben weinen? Im lila Regen?

Fortsetzung folgt.

 

 


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